• Klimaquartier Arrenberg:
    Die Kraft der Menschen eines Viertels


    Mit Energie und Atmosphäre: So wünschen wir uns lokale Zukunft und den Umgang mit Ressourcen und Lebensraum. Der Weg hat längst begonnen.

    Verantwortung für unsere Welt – Einklang allen Lebens: Wer unsere globalen Aufgaben der Gegenwart formulieren will, gerät schnell in die ganz großen Dimensionen. Dabei ist die Basis für viele aktuelle „Baustellen“ eigentlich ganz handfest: Es geht um unsere Erde. Umweltpolitik, Machtstreben, Hungersnöte: Die Natur und unser Umgang mit ihr erfasst verschiedenste Bereiche. Und dass alles mit allem zusammenhängt, ist keineswegs mehr bloß eine Phrase verschrobener Esoteriker: Auch für die Wissenschaft sind Nachhaltigkeit und gemeinsames Handeln längst das Gebot der Stunde. Soviel zum Hintergrund für ein Projekt wie „Aufbruch am Arrenberg“ und seine konkrete Weiterentwicklung in letzter Zeit.
    Global denken, lokal handeln! Abgedroschen, aber klar und unumstößlich gibt dieses Motto die Richtung vor, um sein Tun effektiv und nachhaltig zu gestalten. Wo die wirtschaftliche und technologische Zusammenführung der Welt oft mehr in ihren katastrophalen Folgen ins Auge fällt, liegen im Wegfall der Grenzen auch Chancen. Unzählige Projekte weltweit setzen auf gemeinsames Handeln, und mancher spürt geradezu den Geist einer „Revolution von unten“.

    Neben Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen, Tierschutz-aktivisten und karitativen Hilfsorganisationen hat dieses Denken auch Einzug in den Alltag gehalten: Mit etwas Selbstlosigkeit lässt sich auch die direkte Nachbarschaft verschönern – hübsche Beweise dafür sind Strick-Guerillas und veganes Urban Gardening. In Wuppertal sind mit dem enormen Bürgerengagement in Sachen Trasse und dem Leuchtturmprojekt Utopiastadt im Mirker Bahnhof zwei großartige Beispiele zu bewundern. Auch der Arrenberg steht für diesen Zeitgeist, der mehr als nur das ist.
    Beim „Aufbruch am Arrenberg“ knüpft sich an unternehmerische Vorstöße mit ihrer unübersehbaren Aufwertung des Viertels inzwischen ein Engagement, dessen Potenzial noch längst nicht erschöpft ist. Es scheint lohnend, hier am Ball zu bleiben und den frischen Wind in Bewegung zu halten: Das Projekt Klimaquartier als Antrieb für einen „Aufbruch 2.0“? Warum nicht!

    Das Leben am Arrenberg mit seinen Angeboten und seinem ständigen Wandel findet Aufmerksamkeit über die Stadtgrenzen hinaus. Restaurant Day, Foodsharing, Essbarer Arrenberg, Stadtteilservice, Jugendtreff und Jugendprojekt gobox, Martinszug, das Arrenbergfest, Stammtische und Netzwerke stehen für Kommunikation und gelebte Nachbarschaft. Kunstausstellungen, Konzerte und Kulturveranstaltungen spielen sich nicht nur in geschlossen Räumen ab, sondern nutzen die Straßen und öffentlichen Flächen bis an und in die Wupper. Davon profitiert die Ausstrahlung des Viertels. Kooperationen mit Einrichtungen wie auch Behörden sind selbstverständlich. Manches heute Alltägliche am Arrenberg war vor zehn Jahren noch undenkbar.

    Mit den Erfahrungen weitete sich das Themenspektrum – heute ist der Begriff „Klimaquartier“ in aller Munde. Dahinter steckt eine Vision von Umweltbewusstsein plus Effizienz, von ethischem Anspruch und wirtschaftlichem Denken.

    Nachhaltige Energieversorgung, Mobilität ergänzt mit dem Essbaren Arrenberg sind die drei Haupt-vorhaben, die sich neben weiteren, vielversprechenden Gedanken in einem Ideenpool befinden. Das ambitionierte Ziel: CO2-Neutralität bis zum Jahr 2030. Unser Kiez mit 5500 Mitmenschen und einer bunten kulturellen Vielfalt wagt damit den Versuch, im konsequenten Angang aller miteinander verknüpften Projekte die Herausforderung Klimaneutralität zu meistern.

    Mobilität berührt in ganz besonderem Maße die öffentliche Lebens-qualität im Viertel. Im Mittelpunkt sollten dabei die Fußgänger stehen, die in der Städteplanung bislang allzu oft kaum Berücksichtigung gefunden haben. Der Fußweg am Wupperufer zeigt, wie schön solche Veränderungen aussehen können. Die direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist am Arrenberg dank der Schwebebahn kaum noch zu verbessern. Daher steht im Vordergrund, mit Car Sharing, Fahrrädern, E-Bikes und Elektromobilität allgemein Straßen und Parkraum zu entlasten, gekoppelt an die individuellen Anforderungen der Einwohner.
    Nicht nur im Bereich Mobilität suchen kompetente Engagierte und Partner aus Forschung, Unternehmen und Lehreinrichtungen nach den sinnvollsten Lösungen. Das Wuppertal Institut, die Bergische Universität, die WSW, die Energieagentur und die Effizienzagentur sind nur einige namhafte Kooperationspartner. Kommunikation und Prozesssteuerung laufen in einzelnen Teams zusammen. Wissenschaftliche Aspekte und aktuelle Forschungsergebnisse spielen bei der Realisierung dieses Pilotprojektes ebenfalls eine wichtige Rolle.

    Emissionen lassen sich allerdings nicht nur auf der Straße vermeiden: Die Energiewende findet bei jedem zu Hause statt. Schon seit Jahren haben einige Akteure im Stadtteil die Auseinander-setzung mit alternativen Energiequellen im Blick. Mit dem Pilotprojekt in der Simonsstraße könnten 25 Heizungssysteme, 25 Elektroversorgungen, 25 Schornsteine und 25 Wartungs-dienste, also 25 Wohnhäuser und Gewerbeflächen, zu einer Energiezentrale, einem Netz und einer Verantwortung zusammengeführt werden. Ein Blockheizkraftwerk, Brennstoffzellen und Solaranlage, Wärme- und Stromspeicher sollen den Häuserblock miteinander vernetzen und so seine CO2-Neutralität sichern. Die derzeitige Kooperation mit Mietern und Hausbesitzern soll nach Konzeptphase, Kostenermittlung und Finanzplanung bis Ende nächsten Jahres für klare Verhältnisse sorgen und könnte dann realisiert werden. 2018 soll nach den Überlegungen der Umbau abgeschlossen sein. Anhand der Erfahrungen aus dem Block Simonsstraße, so der Plan, könnten dann ab 2020 bis zum Jahr 2030 Häuserblock für Häuserblock emissionsneutral umgestellt werden. Eine große Herausforderung, die durch Erfolgserlebnisse und intensive Projektbetreuung auch die Allgemeinheit überzeugen soll. Die Macher sprechen schon von einer „Win-win-win-Strategie“: Nicht nur positiv für Hausbesitzer und Mieter, sondern auch Garant für die ökologische Sauberkeit eines grünen Wuppertals.

    Einen weiteren Anstieg der Lebensqualität erhofft man sich schließlich auch vom Projekt Arrenbergfarm. Klar im Fokus steht die Auseinandersetzung mit Nahrung und Ernährung. Landwirtschaft mitten in der Stadt ist das Ziel und die Chance einer nachhaltigen Selbstversorgung soll mit einem großen Gewächshaus umgesetzt werden. Der Essbare Arrenberg will innovative Ideen verwirklichen und beweisen, was in einem funktionierenden Netzwerk ökologisch und wirtschaftlich umgesetzt werden kann. Damit verspricht dieses dritte Vorhaben die größte Außenwirkung und überregionales Interesse. Schauplatz wäre die 60.000 Quadratmeter-Brache des ehemaligen Bundesbahngeländes, und entstehen soll hier demnach die erste Farm überhaupt im Zentrum einer deutschen Großstadt. Moderne, biologische Landwirtschaft und Fischzucht auf 3500 Quadratmetern mit geschlossenem Nährstoff- und Wasserkreislauf sollen das eigentliche Kernstück bilden, um das herum unterschiedliche Ansiedlungen denkbar wären. Verwaltet von einem zentralen Farmhaus gehören die Ideen von einem Bauernhof, einer kleinen Brennerei und Brauerei, einem Ressort, einem Farmladen und einer Farmküche in diese urbane Erlebniswelt mit naturnaher Versorgung. Ein Areal von 8000 Quadratmetern würde Platz für Veranstaltungen mit Wasserlandschaft, Oase und Spielplatz bieten. Märkte und Events wären geeignet Hemmnisse abzubauen und könnten die öffentlichen Flächen der Stadt ergänzen. Leben, Entspannen und Arbeiten mitten in der Stadt mit fast ländlichem Flair – das klingt nach vielversprechenden Impulsen. Die integrative Renaturalisierung dieser Brache mit der Gelegenheit zu innerstädtischer Selbstversorgung könnte ein ungemein deutliches Zeichen für die Wohnstadt Wuppertal sein. Zudem könnten bis zu 100 neue Arbeitsplätze geschaffen werden; noch ein Pluspunkt neben der weiteren Aufwertung des Viertels und einer neuen Vielfalt – bis hin zur Besucherattraktion. Bis aber dem Arrenberg Tourismus und Gentrifizierung drohen, wird sicher noch einiges an Wupperwasser in den Rhein fließen…

    „Action speaks louder than words“, sagt man in England. In Richtung Essbarer Arrenberg und Arrenbergfarm sind die ersten Schritte gemacht und die Idee längst auf dem Weg in die Realität. Die solidarische Landwirtschaft auf der Nutzfläche „In der Dalster“, die in diesem Frühjahr begonnen hat, ist eine weitere Gelegenheit, um seine Finger in Erde zu stecken, Natur zu erleben, natürliches Wachstum zu sehen und Honig zu naschen. Auch dies war zunächst nur eine Idee, die lebendig werden konnte, weil zwei Spaziergänger und deren sich beschnuppernde Hunde ins Gespräch kamen.

    Ideen und Träume sind nur wirklich schön, wenn man sie in Erfüllung gehen lässt. Mit kleinen Schritten hat vor acht Jahren alles begonnen und in der Summe viel bewirkt. Aufbruch ins Klimaquartier Arrenberg – umweltgerecht und mit guter zwischenmenschlicher Atmosphäre? Mehr als eine Vision, denn Zukunft findet immer im Augenblick statt.

    Text: Wolfgang Rosenbaum und Martin Hagemeyer | Fotos : Andreas Komotzki

  • Poetisches leben:
    Der Künstler Norbert Martin und die Hingabe an den Augenblick


    Norbert Martins künstlerischer Werdegang setzt sich aus höchst unterschiedlichen Aspekten zu einem sehr persönlichen Mosaik zusammen. Auf alle Arten poetisch zu leben ist seine Lebensphilosophie und Ausdruck in seinen Projekten.

    Aufgewachsen im Süden Baden Württembergs in nahezu christlich-fundamentalistischen Verhältnissen, hat der gelernte Kaufmann schon früh zeichnerisches Talent gezeigt und und den Kontakt zu musischer Kreativität gesucht.
    Sein bürgerliches Leben aus Gemeinde, Familie und Karriere hat ihm selten Zeit gelassen, aus sich heraus zu schöpfen. Seine verantwortungsvollen Tätigkeiten im Vertriebswesen führten Martin bis nach England, wo er den Aufbau einer Niederlassung begleitete.
    Mit 43 Jahren entschloss sich der zweifache Vater dann für den plötzlichen Umbruch. Mit einer kleinen Werbeagentur und der Umsetzung eigener Interessen begann seine bis heute andauernde Selbstständigkeit.

    Genau zu dieser Zeit – Mitte der 90er – wurde Wuppertal zu seinem Lebensmittelpunkt und seine neue Freiheit förderte seinen Output. So entstand beispielsweise die Zeitung „LeftHand-Corner“, eine spielerische wie ernsthafte Auseinandersetzung mit der individuellen Besonderheit und dem Erkennen eines Bedürfnisses bei Gleichgesinnten, sich über das Phänomen der Linkshändigkeit auszutauschen.

    Der Herausgabe des eigenen Gedichtbandes „Vorsicht Texte“ (1996 im Eigenverlag) schlossen sich bisher zahlreiche Veröffentlichungen an. Neben seinen Geschichten und Essays in kleinen Anthologien und lokalen Sammlungen wurde sein Gedicht Vivaldi-Winter auch auf WDR 5 veröffentlicht. Regelmäßige Lesungen in Cafes und kulturellen Einrichtungen geben immer wieder Einblick in Norbert Martins Denken und Phantasie. Er selbst bezeichnet sich gerne als geistigen Dauerzünder, der mit großer Offenheit allen Seiten des Lebens aufgeschlossen ist.

    Das Nutzen von langer Weile und der Dialog mit der Natur finden im Musiker Norbert Martin einen noch freieren Ausdruck. Seine Musik und seine Projekte leben von Improvisationen und Momenten, die nicht jedem zugänglich sind: Das Machen und die Freude am Sein sind ihm viel wichtiger. Auf Ausstellungen, Happenings und Festivals bietet sich dennoch oft die Gelegenheit, aufzutreten und Gleichgesinnte zu erreichen. Anarchistisch agierend, schräg und mit purer Lust darf es auch gerne etwas verrückt sein. Mit der Konzertreihe „Requiem für den Wald“ wird auch inmitten freier Natur musiziert – eine Hommage an die Kraft der Schöpfung und ihre Schätze. Befreiend und inspirierend gleichermaßen wie der gesamte künstlerische Dialog mit der Umwelt und seinem Auge für die feinen Details.
    Hölzerne und steinerne Findlinge, die ihn faszinieren, bearbeitet und transformiert er genauso wie Elektronik-Schrott aus dem Computer. Der eigene Ausdruck bleibt für Norbert Martin unbegrenzt und arbeitet die assoziativen Details aus den Materialien heraus. Aus Formen und Brüchen von Steinen kratzt und ritzt er in akribischer Kleinstarbeit unglaublich feine Strukturen heraus: Besonders liebevolle Werke, die absolut zeitlos erscheinen.

    Kunstinteressierte, die Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Worte und der musikalischen Performance Norbert Martins gegenüber aufgeschlossen sind, werden immer etwas finden, was die eigenen Sinne berührt: Mit Humor und Hingabe an den Augenblick.

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos : Andreas Komotzki und Archiv Norbert Martin


    http://lefthandcorner.wtal.de

    https://www.youtube.com/user/notmiful/videos

  • Aktionszentrum Impuls –
    ein Mosaikstück Wuppertaler Kulturgeschichte


    Juni 1968 bis April 1973.
    Viehhofstraße 154.
    Ein ganz besonderer Ort. 

    Über die Stadtgrenzen hinaus wirkte dort das Aktionszentrum Impuls. Einem Zeitgeist folgend, der gesellschaftliche Veränderungen schaffte und mit seinem subtilen Echo bis heute nachhallend die Generationen prägt. Ernst Dieter Fränzel gründete vor 47 Jahren das für Wuppertal erste kulturpolitische Zentrum der Nachkriegszeit. Ingrid Schuh und Doris Golka kümmerten sich um Geschäftsführung und Gastronomie des eingetragenen Trägervereins: der ZEITKUNST-Gesellschaft.

    Das Aktionszentrum Impuls ist in der historischen Retrospektive eingerahmt von globalen Zusammenhängen und steht dennoch explizit auch für eine lokale Revolution, die uns heute selbstverständlich erscheint. Ausgehend von dem Nullpunkt des beendeten Zweiten Weltkrieges entfaltete sich im geistigen Wiederaufbau ein komplett neues Bewusstsein. Die Kriegskinder, die sogenannten 68er, entwickelten eine revolutionäre Energie und ein bedingungsloses Streben nach Freiheit. Der Zerriss mit den schweigenden, vom Krieg traumatisierten Eltern und Großeltern hätte kaum größer sein können. In dieser Wechselwirkung – Kontinente übergreifend – bestimmten viele junge Menschen ihren eigenen Geschmack, eingebettet in neuen Wertvorstellungen.
     
    E. Dieter Fränzel steht genau für diese Generation. 80 Jahre wird er dieses Jahr, das Alter sieht man ihm nicht an. Er strahlt eine Lebensenergie aus, die ihn locker 20 Jahre jünger wirken lässt. Diese Energie war E. Dieter Fränzel mit Sicherheit sein ganzes Leben zu eigen. Hineingestürzt hat er sich in die Jazz- und Kulturszene der 50er Jahre und verpflichtete sich mit leidenschaftlichem Engagement den Fragen der Kultur. Als Musikliebender veranstaltete er Konzerte, Festivals und Kulturprojekte. Sein beruflicher Werdegang entfesselte den Maschinenschlosser und technischen Zeichner später zum Kultur- und Medienpädagogen.
     
    Mit den 60er Jahren konzentrierte sich bei ihm alles auf die Musik. Fränzel organisierte Konzerte in wechselnden Kneipen, Clubs und Räumen, bis sich der Wunsch nach einem eigenen, festen Standort manifestierte. Fündig wurde man dann am Arrenberg auf dem Gelände des heute noch existierenden Autoverleih Dürdoth. Das Impuls entstand.
    Mit dem Aktionszentrum positionierten sich die Protagonisten der Wuppertaler Szene in einem ganz neuen, kulturpolitischen Kontext. Zum einen wollte man eine dauerhafte Plattform für Musik, Theater und Filme schaffen, zum anderen vertiefte sich die Kommunikation und das erwachte, politische Bewusstsein bündelte sich in die unterschiedlichsten Arbeitsgemeinschaften. Provokante Aktionen begleiteten freie Gedanken und reizten dabei auch durch radikalere Einflüsse das deutliche öffentliche Interesse. Natürlich suchten auch ein aufkommendes Drogen-millieu sowie vereinzelte destruktive Kräfte die Nähe zum angesagten Treffpunkt der Stadt. 
    Neben der politischen Arbeit stand besonders die Musik im Fokus des dreietagigen Zentrums, welches Musikkneipe, Veranstaltungsforum, Filmstudio, politischen Buchladen und Teestube unter einem Dach vereinte. 
    Sessions, Proben und Konzerte konzentrierten nicht nur die Wuppertaler Musikszene sondern bestachen mit innovativen wie hochkarätigen Künstlern, von denen viele heutzutage Weltruf genießen. Der Jazz stand zwar im Vordergrund, aber freie improvisierte Musik auch aus den Bereichen des psychedelischen Rock oder erste elektronische Sounds waren zu hören. Sämtliche Facetten der Avantgarde beeinflussten Musiker, Künstler und Macher gleichermaßen. Heute stehen die meisten Künstler für ewig in den Geschichtsbüchern ihrer Genres. Liebhaber schnalzen mit der Zunge, wenn sie die vielen Namen hören, die hier ihre Visitenkarte abgaben. 
    Daneben entwickelte sich eine musikalische und künstlerische Kraft im Zusammenwirken einheimischer Musiker mit nationalen wie internationalen Größen. Der kulturelle Standort Wuppertal mit seiner Free Jazz Szene und dem einher aufstrebenden, spektakulären Tanztheater Pina Bausch entwickelte absoluten Weltruhm. Die beiden Wuppertaler Preisträger des Deutschen Jazzpreis, Peter Kowald und Peter Brötzmann, sind hier stellvertretend für viele Wuppertaler Größen zu nennen. Der ungemeine Einfluß auf unzählige Wuppertaler Kulturschaffende lässt sich bis heute an den Freund- und Bekanntschaften, dem wechselwirkenden Einfluss und der starken Zusammenarbeit erkennen. Bis in die Wuppertaler Clubkultur und freien Szene keimte aus dieser Generation lokales Kulturverständnis. Clubs wie die Beatbox oder das 45RPM bis zum Kulturprojekt Sommerloch wurzelten eben in diesem geistigen Nährboden und formten kulturelle Evolution.
     
    Diese Entwicklung und Entfaltung prägt E. Dieter Fränzel als künstlerischer Leiter der Konzertreihen im Skulpturenpark mit einer hochkarätigen Auswahl noch heute. Der professionelle Rückblick auf diese stilprägenden Jahrzehnte, die Wuppertal zu einem der wichtigsten Zentren improvisierter Musik werden ließ, findet sich in der niedergeschriebenen Wuppertaler Jazzgeschichte „Sounds like Whoopataal“ aus dem Jahr 2006. Ein Werk erzählt von vielen eben diesen Kräften und ist belebt von einem herausragendem Engagement E. Dieter Fränzels.
    Mit dem Bedürfnis solche Erinnerungen zu dokumentieren, überleben die Geschichten ihre Protagonisten. Die Mauern des Impuls am Arrenberg fristen als ein unerkanntes Denkmal nur noch in den Köpfen weniger Menschen. Doch als Mosaikstein in der Wuppertaler Kulturgeschichte manifestierte sich dort unsere Gegenwart. Der Wunsch nach Autonomie und Toleranz hat viele geistige Grenzen gesprengt. Grüne Politik, alternative Lebensentwürfe, sexuelle Freiheit sind erst im Wechselspiel der kulturellen Reibung möglich geworden.
    Das Impuls war fünf Jahre lang ein freigeistiger Ort, dem nach Ablauf des Mietvertrages die Gründung des links-alternativen Börsen-Vereins folgte. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und so errichtete sich die Börse als Kommunikations- und Kulturzentrum in Eigenarbeit direkt um die Ecke. Bis 1996, als die anhaltenden Konflikte mit der Nachbarschaft einen Umzug der Börse an die Wolkenburg unumgänglich machte.
     
    In diesen 28 Jahren war der Arrenberg insbesondere Kern der Wupper-taler Jugendkultur. Der Wandel zum Wohnquartier steht in absolutem Kontrast zu dieser Zeit. Doch die Prägung bleibt. Und die bunten Geschichten der Zeitzeugen und Protagonisten. 
    Der Freiraum und der Kampf für Kultur hat heute einen ganz anderen Stellenwert. Und die Vielfalt ist fast fantastisch. Der kulturelle Spirit bewegt heute ganz anders. Manchmal in Form umstrickter Objekte im öffentlichen Raum, die für Aufregung sorgen und unerkannt entfernt werden. Kunst und Kultur findet heute einfach anders statt. Ein Geschenk – und ein Wert, der irgendwo seine Impulse hat.

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos: Archiv E. Dieter Fränzel

    E. Dieter Fränzel im Web

  • Als der Bäcker keine Brötchen hatte ...


    Im Gespräch mit Arne Zocher über das Leben am Arrenberg im Wandel der letzten einhundert Jahre. Über seine Familie und den Beruf, in dem er in der vierten Generation die Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet.

    Arne Zocher erinnert sich an seine Kindheit. An die Zeiten, als die „Arrenberger“ gegen die „Senefelder“ auf irgendeinem Hinterhof im staubigen Nachmittag bolzten und einem die Welt als genau dieses Fleckchen Erde erschien. In den Ferien ging es morgens aus dem Haus, und man durchstreifte mit seinen Freunden die Gegend, bis der Abend dämmerte. Für Arne Zocher war die Kindheit in seinem Viertel ein Abenteuer. Es war schön, genau dort und zu dieser Zeit aufzuwachsen, zu spielen und Unsinn anzustellen.

    Zu Hause lauschte der Junge den spannenden Geschichten, die man sich in der Nachbarschaft und in seiner Familie weitergab und die er heute selbst erzählt. Es war eine Zeit, in der man aufmerksam zuhörte, weil die Welt noch nicht voller Ablenkungen war, weil die Kommunikation unter Menschen noch Verständigung hieß und mit Worten stattfand. Ende der 1970er Jahre lag der Arrenberg – im Vergleich zur großen Aufbruchstimmung des 19. Jahrhunderts, als sich von der Wupper aus die Industrialisierung ihren Raum suchte – in einer Art Dornröschenschlaf.

    Prächtige Fabrikantenvillen, prosperierende Fabrikgebäude, Geschäfte und Wohnhäuser für Angestellte und Arbeiter waren in der Gründerzeit entstanden, von denen das Viertel heute noch erzählt. Mittendrin die 1863 feierlich eingeweihten „Städtischen Krankenanstalten“ nebst zugehöriger Irrenanstalt. Aus dem ländlichen Außenbezirk der bergischen Stadt Elberfeld, der Steinbecker und Arrenberger Rotte, war eine industriell geprägte Vorstadt gewachsen. In dieser historischen Kulisse sprach Anfang des 20. Jahrhunderts klar und deutlich der Jüngste von vier Brüdern bei seinem Vater vor und wollte den elterlichen Betrieb, die 1. Dampfschreinerei zu Elberfelde, verlassen. Es war Heinrich Zocher, Arne Zochers Urgroßvater, der den abenteuerlichen Entschluss gefasst hatte, Bestatter zu werden. Er verließ den erfolgreichen Betrieb, der zu diesem Zeitpunkt sämtliche Holzarbeiten in den Privathäusern und Fabriken von Friedrich Bayer erledigte und dadurch zu Wohlstand und Anerkennung kam. Am 5.5.1905 gründete Heinrich Zocher sein Bestattungsunternehmen, das von den nachfolgenden Generationen bis in die Gegenwart geführt wurde.

    Heinrich Zocher bestattete diejenigen Wuppertaler, die der alteingesessenen Konkurrenz nicht lukrativ genug waren, aber natürlich trotzdem unter die Erde mussten. Dazu gehörten z.B. die Kinder aus dem Arbeitermilieu, deren Leben durch die hohe Sterblichkeitsrate eh nicht sonderlich viel wert schien. Für ihre Beisetzung konnten die Angehörigen nicht viel zahlen, da sie das knappe Geld selber für die einfachsten Dinge wie Kleidung und Essen benötigten. Mit dem Bezug der bis heute bestehenden Geschäftsräume in der Arrenberger Straße bewies der junge Unternehmer Geschick. Er erarbeitete sich einen vertrauensvollen Ruf und hatte das Glück, mit seinem Ladenlokal zwei Häuser näher am Krankenhaus zu liegen als der bereits ansässige Bestatter – im Fall der Fälle entschied oftmals der um wenige Meter kürzere Weg.

    Respektvoll und diskret – aber deutlich – spricht der Mensch Arne Zocher über das Leben. Außergewöhnliche, einzigartige Schicksale offenbaren sich dem Bestatter im Kontakt mit den Hinterbliebenen, werden ihm anvertraut oder erschließen sich aus den Eindrücken der Lebensumstände. Dieses Gespür für Menschen und Bedürfnisse, die Auseinandersetzung mit Glauben und Philosophie haben Arnes Zochers weites Weltbild geprägt. „Letztendlich sind wir alle aus Sternenstaub! Und das ist doch eine wunderschöne Idee!“, erklärt Zocher lächelnd und spielt auf die Vorstellung an, dass unser Körper und das Leben auf der Erde aus den Elementen bestehen, die in Supernovae – den explodierenden Sternen – entstanden sind. So gesehen sind unsere Existenz und unser Ursprung zumindest für ein paar Millionen Jahre geklärt – das Leben jedes Einzelnen bleibt in sich ein Wunder. Ob und wie es nach dem Sterben weitergeht, bleibt natürlich auch für den Bestatter offen. Über den Tod weiß er – wie wahrscheinlich jeder andere Mensch – nichts! So ist es halt, wenn man lebendig ist.

    Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren viele Menschen ihr Leben und die Atmosphäre änderte sich gewaltig. Die große Wirtschaftseuphorie und das koloniale Weltmachtstreben des Industriezeitalters führten in den ersten Weltkrieg und in eine innenpolitische Instabilität, die im nationalsozialistischen Wahnsinn gipfelte. Zuerst verschwanden Menschen über Nacht, Juden und politische Feinde. Aus Freunden und Nachbarn wurden Fremde. Kälte und eine ungeheuerliche Zerrissenheit deformierten die Gesellschaft. Mit dem Krieg verschwanden die Männer. Man betrauerte die gefallenen Väter, Söhne und Brüder. In der Elberfelder Bombennacht vom 24. auf den 25. Juni 1943 drohte die komplette Zerstörung des Arrenbergs, der durch seine Nähe zum Bayer-Werk verloren schien. Es war schlicht dem Wetter zu verdanken, dass die Leuchtmarkierungen – sogenannte Christbäume – vom Winde Richtung Tannenbergstraße verweht wurden und die nachfolgenden britischen Flieger stattdessen große Teile der Südstadt und der Innenstadt ausradierten.

    „Vom Hause Zocher in der Arrenberger Straße 7 stand nur noch die Fassade“, weiß Arne Zocher. Der wenige Familienschmuck war im Tresor zu einem Klumpen geschmolzen, sämtliche Papiere und Bargeld durch die enorme Hitze in Asche verwandelt. Die schweren Eichenbohlen für die Särge waren vom bombardierten Lager in der Steinbeck hunderte Meter bis zur Brillerstraße geflogen. Wer überlebte, hatte großes Glück gehabt. Der Aufbau dauerte viele Jahre – im Viertel und persönlich. Mit dem Kriegsende kamen auch die überlebenden Soldaten zurück. Wenige als Helden, wie einer, der mit einem LKW von der Front flüchtete, auf abenteuerlichem Weg dutzende zivile Flüchtlinge aufsammelte und plötzlich in der Straße stand, und andere als Verbrecher – anhand ihrer herausgeschnittenen oder -geschossenen Blutgruppentätowierung wurden sie als Mitglieder der SS -Totenkopfverbände und der Waffen-SS identifiziert.

    Das Leben am Arrenberg erholte sich, und das Wirtschaftswunder begann – die Menschen richteten ihre ganze Kraft in die Zukunft. Bescheidenheit und Dankbarkeit zeigten sich in diesen Jahren auf unterschiedlichste Weise – erwähnt sei der Unternehmer, der die Glocke der Trinitatiskirche spendete, obwohl er selbst nie in die Kirche ging. Unweit von Zochers Elternhaus verschwand erst Anfang der 1980er Jahre durch Neubebauung der letzte Bombenkrater, nur Beulen in den Wäldern zeugen heute noch von dem, was einmal war. Und soweit man das sagen kann: Auch das Sterben normalisierte sich. Dem mörderischen Krieg mit Angst und Schrecken folgte der natürliche Tod und die Trauerfeier in großer Runde – mit Schnäpsen und Gelagen wurde der Verstorbenen gedacht.

    In der Gegenwart werden Beerdigung und Trauerfeier sehr persönlich begangen. Der Abschied ist heute so individuell wie das einzelne Leben und deutlich persönlicher als zu früheren Zeiten. Sei es durch die Flussbestattung an einem Wunschort oder als Asche in einer Feuerwerksrakete – vieles ist möglich.

    So wie am Arrenberg, der mit seinem Aufbruch wieder eine ganz alte Energie verströmt. Doch eines wird es nicht mehr geben: eine Aufregung wie damals, als der Strom ausfiel und der Bäcker keine Brötchen hatte. Diese Zeiten sind vorbei – dafür ist diese Welt heute viel zu schnell.
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos: Friedhelm Gerstung, Andreas Komotzki, Archiv Zocher

  • Im Zeichen des Steppenwolfs


    Am 1. Juni 2009 starb Andreas Junge von seinem Leben vollbracht in der Riemenstraße 28. Hier, in Wuppertal-Elberfeld.
    Andreas Junge war Mensch. Und Künstler.
    Zum fünften Todestag eine subjektive Stimmung zu einem intensiven Charakter mit einem außergewöhnlichen Werk. ->

    Intelligent. Schwitzig kühl. In Abgründen versponnen. Ein Wolf im Schatten seiner Seele. Der Himmel verdunkelt sich, wenn man über ihn spricht. Junge.
    Der Von der Heydt-Förderpreisträger ist seit fünf Jahren tot. Jeder Mensch stirbt anders und das ist wichtig. Auch wie es geschieht. Der Tod ist schwer zu begreifen. Es gibt viele Wege mit ihm umzugehen oder ihn zu umgehen. Junge hielt den Tod eng umschlungen. In seinem 50. Lebensjahr ließ Andreas ihn los und starb, weil es so sein sollte. Ein Künstlertod.
    Die einen sprechen über Andreas Junge, als wäre er nur in einem weit entfernten Land. Die anderen können oder wollen gar nicht über ihn reden. Bestimmte Menschen sterben, während sie leben. Eventuell ist es ihm so geschehen.

    Junge hat Schmerz hinterlassen.
    Und ein fulminantes künstlerisches Werk.
    Der Punk wurde Meisterschüler bei A.R. Penck an der Kunstakademie Düsseldorf. 1991. Ohne Abitur. Sonderbegabt. Im selben Jahr verlieh ihm unsere Stadt den Von der Heydt-Förderpreis. Ihm, „dem Alkoholiker, für den es immer einen Grund gibt, sich zu betrinken“. So liest er sich in seiner Selbstabrechnung: „Der Ochse“. Pöbelnd stand er im Übrigen bei der Preisverleihung am Mikrofon. Andreas Junge.

    Apropos Ochse. Auf 60 Seiten, DIN A4, steht alles Existenzielle über „den Ochsen“ und sein Leben. Er musste das aufschreiben, fünf Jahre vor seinem Ende. Diese letzten Jahre fehlen natürlich in seinem Buch. Dieser letzte, dramatische Akt, gewollt wie ungewollt tragisch inszeniert. Der persönliche Verfall.

    „Der Ochse“, dieses kleine, solitäre, literarische Werk. Es fehlt nur der letzte Feinschliff und es könnte ein Kultbuch sein, denn es spiegelt den Kern einer ganzen Epoche. Von den 70ern bis in die 00er und von analog zu digital. Zwischen diesen Zeiten tobt dieser psychologisch schräge Übergang von Schwarz-Weiß zu Farbe. So einfach wie in der Fotografie, so einfach wie auf den Fernsehbildschirmen hat sich die Welt verändert, in der Andreas Junge aufgewachsen ist. Auf zur bunten Erkenntnis. Und Junge schneidet sein Leben unprätentiös dazwischen. Er macht sich bewusst.

    Der Künstler lässt Platz in seinen klaren Worten, man kann durchschauen, es ist vieles zu sehen. Bilder lassen sich erkennen. Er schreibt, wie er malt, assoziativ, symbolisch. Großartige Bilder intensiver Bedeutung, die es tatsächlich gibt. Er hat sie alle gemalt. All diese Bilder, die zwischen seinem Leben zu kritischen Spiegeln der gesellschaftlichen Zeitgeschichte werden. So viel musste raus. Die Bilder erwischen den Betrachter mit voller Wucht, wenn er sich auf Junge einlassen kann. Entweder oder. Ganz natürlich.

    Andreas Junge wird bestimmt von den Szenarien des zweiten Weltkrieges, von diesem Echo der Geschichte, vom kalten Krieg und von der allgemeinen Distanz zwischen den Menschen. Die Beklemmungen der Alten, die schräge Freiheit hinter den Gittern und Grenzen gesellschaftlicher und religiöser Normen, mischen sich unter Laszivität und Punk und suchen eine Liebe, die ihm scheinbar abhanden kam.

    1959 geboren. Wie war es wohl damals, der kleine Andreas zu sein. Was hat ihn speziell geprägt? Oder war er aus sich heraus so wie seine künstlerische Arbeit? Sein Werk erzählt massenweise vom Sterben, vom Schmerz, von Ungerechtigkeit und Ungleichgewichten. Voller alter, kryptischer, religiöser, allgegenwärtiger Symbole. Tief in sich war er sehr berührbar. Er war verdammt, sensibel zu sein. Dieses Zuviel in ihm musste raus. Er sprühte und schichtete es auf seine Bilder, schnitt es in Karton. Er gipfelte auch in Zehn-Meter-Gemälden. Was muss sich in ihm angestaut haben, was für ein Druck.
    Das Werk von Andreas Junge schmeckt nach Machtlosigkeit einer Welt gegenüber, die er einfing, bannte und in ihrer Perversion vollkommen sichtbar werden lässt, weil er sie entlarvte, weil er das Ungeheuerliche auch in sich erkannt haben musste. Und das Unglück. Und weil er machtlos war.

    Andreas Junge hat einen Ausdruck, eine Kraft, die sich in seinem Werk immer noch entfaltet, entwickelt, wie ein richtig guter Wein. Nein, eher wie die Ausmaße einer künstlerischen Radioaktivität mit einer schwankenden Halbwertszeit. Der Ochse schreibt: „Mein Verfallsdatum beziffere ich mit 2040. Es bleibt also noch genug Zeit zu hoffen, dass es mehr wird.“ Der Ochse hat recht. Sein Verfallsdatum ist auch fünf Jahre nach seinem Tod bei weitem nicht erreicht. Andreas Junge lebt weiter. Die Bilder sind da. Und mit ihnen seine Energie.
    Die Galerie Roy in Zülpich ist seit 2013 im Besitz seines Nachlasses. Sein Werk. Viele Werke, bei denen man schreiend zustimmen möchte: „Ja!! So ist das! Genau so ist das!“. Auch jetzt. Einige Bilder wirken so immens brandaktuell. Zeitlos.

    Andreas Junge gehört zu den interessantesten Wuppertaler Künstlern der letzten Jahrzehnte. In bester Gesellschaft bleibt der pöbelnde Punk in der Ahnentafel des bedeutendsten Kulturpreises der Stadt archiviert und für die Zukunft erhalten. Mit etlichen dieser Preisträger war er sowieso bekannt, mit einigen befreundet. Der Bassist Peter Kowald gehörte unbedingt dazu. Kowald war vielen Freunden von Andreas Junge ein inspirierender Mentor und hinterließ mit seinem Tod im Jahre 2002 ein spürbares Vakuum. Etwas sehr Empfindsames zerbrach. Schließlich hing diese ganze Szene zusammen. Wie wichtig war eigentlich der individuelle Erfolg in Abgrenzung voneinander, zum Überleben oder zum Durchdrehen? Erfolg als Künstler ist eine eigene Macht. Eine böse Geliebte, die man verachtet, wenn sie die Liebe nicht erwidert.

    Andreas Junge hat genau dieses Leben gehabt. Dieses Künstlerleben. Er hätte auch kein anderes gewollt. Hoffentlich hat er dieses Leben geliebt. Denn es war seines, es war richtig. Dieses Leben hat Spuren hinterlassen.

    Alles tief getränkt in schwarzem Humor, ungekünstelt, apokalyptisch, aber auch mit märchenhaften Fragmenten und ganz zarten Momenten. Dieses Märchenhafte sticht bei all den Schatten und Szenarien ganz besonders hervor. Zuckersüße Feenwesen mit Schmetterlingsflügeln – die niedlichste Schnecke aller Zeiten. Ein Bild ganz ohne Bedrohung, ein Bild ohne diese immense Wucht. Die reine Schönheit entsteht und das Feine ist so lebendig, als wäre es ausschließlich da. Was auch in ihm lebte, aber selten nach außen kam.

    Mit ihm sind viele Antworten verschwunden, er bleibt zu entdecken. Ein paar Informationen, Bilder und Videodokumente finden sich über Andreas Junge im Internet. Große Anerkennung fand Andreas Junge auch in seiner Zeit als Galerist. Von 2000 bis 2004 stellte er eine Vielzahl befreundeter und überregional bekannter Künstler aus. Verbindend, voller Kontakt, versunken in zerstörerischer Einsamkeit.
    Drei Tage vor seinem Tod nahm er ein Taxi und entließ sich aus einer Suchtklinik. Ein langjähriger Freund und Bildhauer, der zur selben Zeit wie er dort im Entzug saß, stritt sich mit ihm und wollte ihn von der Fahrt abhalten. Er fuhr. Nach Hause. Das war ihm bestimmt, dort zu sterben.
    Der Zeichner und Fotograf Josef Scherrer war in den letzten Jahren sein engster Weggefährte. Wenige Wochen nach dem Tod von Andreas stürzte sich Josef in die Donau und nahm sich das Leben.

    Im Skulpturenpark Waldfrieden ist ein Katalog zu Andreas Junge erhältlich. Die 89 Zeichnungen mit einigen Textpassagen aus dem Ochsen sind postum erschienen.
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos + Abbildungen: Archiv Sylvie Hauptvogel
    Info: www.galerieroy.de

  • Die Revolution, der Kaiser und die Brezel
    Von der Erfolgsgeschichte einer 218 Jahre alten Backware und den Händen, die sie täglich zum Leben erwecken


    Es sind oft die kleinen Momente im Leben, die es verändern und erst im Laufe vieler Jahre ihre wahre Bedeutung gewinnen. So ist die Geschichte der Familie Hösterey seit acht Generationen mit einer Begegnung verbunden, aus der eine andauernde Lebens- und Liebesgeschichte mit der Brezel wurde.

    Es war im Jahre 1795 zu Zeiten der Französischen Revolution, als der Unterburger Bäcker Johann Peter Hösterey einen französischen Soldaten bei sich aufnahm und gesund pflegte. Mit dem Mann aus der Gegend um Cluny im Burgund traf der Bäcker nicht nur auf eine andere Sprache und Kultur, sondern auf eine Inspiration, die zu einem festen Bestandteil der Bergischen Historie werden sollte. Der Franzose verstand nämlich auch den Umgang mit dem Teig und weihte seinen Gastgeber, vielleicht aus Dankbarkeit, in die Kunst des Brezelspinnens ein. Die Burger Brezel war geboren.

    Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf und das Rezept wurde nur unter Eingeweihten gehandelt. Die kleine Backware war für ihre Haltbarkeit berühmt und erfüllte damit ein wichtiges Kriterium der damaligen Zeit. Damals wie heute erinnert der harte, süßliche Teig mehr an Zwieback und wurde daher gerne – typisch bergisch – gezoppt, also in Kaffee oder Tee getaucht. Die Bergische Kaffeetafel ist ohne diesen sinnlichen Akt kaum vorstellbar und vielen Menschen in der Region selbstverständlich vertraut.

    Bis zum heutigen Tage hält Rüdiger Hösterey das Handwerk ganz unprätentiös aufrecht und verkörpert die Seele einer langen Tradition. „Für Tradition kann man sich nichts kaufen“, sagt der 70-jährige mit einem spitzbübischen Lächeln und lebt genau diese mit großem Bewusstsein. Die Brezel und die Jahrhunderte werden lebendig, wenn der gelernte Konditor über sein markantestes Produkt spricht und die Backstube in der Friedrich-Ebert-Straße mit dem alten Ofen stumm und wissend Zeuge steht. Versteckt im Hinterhof würde man hier gar kein Gewerbe vermuten und ohne größere Beachtung einfach vorbei gehen. Ein simples Emailleschild mit Brezel am schwarzen Metalltor wirkt wie ein symbolisches Zeichen für Eingeweihte. Doch steht dieses Schild immer noch für ausgezeichnete Qualität und verbirgt im Hinterhof einen feinen Handwerksbetrieb, der 1848 nach Elberfeld expandierte. Zunächst zog die Familie Hösterey an die Hofaue und schuf dann im Jahre 1900 mit dem Neubau der Backstube direkt am heutigen Robert-Daum-Platz ihren endgültigen Standort.

    Die Geschichte der Familie und der Bäckerei hält Rüdiger Hösterey in festen Händen. In einem Schnellhefter bewahrt er die wichtigsten Zeitdokumente auf und hat sie stets griffbereit. „Hier. Das Dankschreiben des Kaisers!“, sagt der Bäcker mit leichtem Stolz und zeigt ein Dokument, das man eigentlich nur im Museum zu Gesicht bekommt. Seit dieser Epoche hat sich viel verändert und wie ein sich schließender Kreis ist die Bäckerei heute wieder ganz nahe an ihrem Ursprung. Die kleine Manufaktur, deren Tradition und Handwerk von der Slow-Food-Organisation mit der Aufnahme in die Arche des Geschmacks geehrt und gefördert wird, hat sich bewusst von der Massenware weg entwickelt und steht für eine regionale Kultur, die vom Aussterben bedroht ist.

    So ist nach der achten Generation derzeit auch keine neunte in Sicht. Die Kinder haben eigene Wege eingeschlagen und bis einer der Enkel soweit ist, werden noch Jahre vergehen. Doch die Freude, die Rüdiger Hösterey und seine Frau Sabine an der täglichen Arbeit haben, und die handgemachten Spezialitäten mit Feinkostcharakter geben auch für die kommenden Jahre Kraft und Ausdauer. Mit bester Gesundheit und der Liebe zur eigenen Berufung ist der Lebensrhythmus einfach abgestimmt auf Spekulatius, Gusszwieback und Brezel. Wer seine Sinne spitzt, sollte einfach mal den Wohlgerüchen folgen und den Weg in die Backstube der Familie Hösterey finden. Persönlicher kann man solche Kostbarkeiten nicht kaufen und selten macht Geschichte so glücklich, wenn man einfach nur in sie hineinbeißt und genießt.

    -> Bäckerei Hösterey · Friedrich-Ebert-Straße 104, Hinterhaus
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos : Andreas Komotzki u. Archiv Hösterey

  • Hühnerschaf von der Heydt, Schloß Schnapsschnorchel und die seltsame Topographie der Kunst –
    Ein kleiner Streufzug durch die Gemeinde


    Die meisten Arrenberger haben eigentlich nicht das Gefühl, auf oder an einem Berg zu leben. Ganz im Gegenteil. Der Arrenberger an sich wohnt direkt an der Wupper und im Prinzip mitten in der Stadt. Eher heimlich klebt der Bezirk am nördlichen Hang des Kiesbergs, hangelt sich besucherritzengleich am Schwarzen Weg entlang und gleitet sanft hinunter bis ihn die Schwebebahn stoppt. Natürlicherweise sind Blick- wie Fließrichtung immer gleich und so schaut man als Anwohner, ohne sich den Nacken zu verdrehen, auf die andere Seite des schwärzesten Flusses der Welt oder auf eine verwitterte Häuserwand. Als Stadt im Kleinkindalter – anders kann man läppische 84 Jahre nicht nennen – verbietet es der latent gepflegte Separatismus dem kiezigen Wuppertaler von ganz allein, sich umzudrehen und auf die Höhen zu schauen. Der Begriff „Die da oben“ kommt ja nicht von ungefähr.

    Der schöne Ausblick einer Chefetage beginnt oftmals aus einem hochwohlgeborenen Schoß und endet bei adäquater Lebensführung mit einem weiten Blick für das Leben. Aus diesem oder einem ähnlichen Grund bestieg im ausklingenden 19. Jahrhundert der autolose Bankier und Kunstmäzen August Freiherr von der Heydt den Rücken des Arrenbergs und schuf sich auf der erhabenen Königshöhe eine Sommerresidenz mit Aussicht bis ins Siebengebirge.

    Die Menschen von der Heydt sind wie das Panorama längst Geschichte, nur der wohlklingende Familienname ist lebendig und für seine Taten in der Stadt veredelt. Geblieben, vom Wald umschlungen und unchristlich umgetauft, ist allerdings auch das Sommerhaus mit einem Nachfahren der ganz besonderen Art, der heute nicht nur dem Arrenberg, sondern wem er gerade möchte, süffisant im Nacken sitzt. Er ist Kaufmann, Diplom-Designer, Politiker, Gastronom, Oberster Kongress-Schwänzer der D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus), Hühnerschaf, Lebensgefährte, Gelegenheitsvater, Freund, Halbtagsfeind und auf seine ganz persönliche Art ein treibendes Unwesen. Kurz: RME Streuf.
    Noch kürzer: Streuf.

    Ach ja, manche behaupten auch er sei Künstler, was an dieser Stelle allerdings strikt und pauschal abgestritten werden sollte. Es gibt auch Leute, die denken Streuf hätte irgendwas studiert und sogar abgeschlossen. Erinnern kann sich daran keiner. Man kann RME – geborener Ralf Michael Erich, lebender Raps Methylo Ester – Streuf weder fassen noch einordnen, da er das Assoziative und Komische ständig Walzer und Pogo miteinander tanzen lässt. Streuf bedient sich jeder Möglichkeit, Absurdes auszudrücken, zu spiegeln oder einfach nur im Komischen zu ertränken. Töne, Worte, Bilder, Objekte, Installationen und Politik, nichts ist vor ihm und seiner Betrachtungsweise sicher. Vieles wirkt wie purer Scherz, doch verbirgt sich der Nährboden oft im unerkannten Ernst. Es gibt Menschen, für die es unerträglich wäre, das Leben mit solcher komischen Transzendenz zu betrachten, wie es Streuf eigen zu sein scheint.

    Die Kunst ist sein Tor zur Freiheit, das Leben seine Sammlung und die Realität eine Collage mit dem Rest der Welt. Zahlreiche Projekte mit den unterschiedlichsten Künstlern haben so sein Wirken geprägt und bei genauer Betrachtung nachhaltige Spuren hinterlassen. So gehört Streuf zu einem Künstler- und Freundeskreis, der den besonderen Wuppertaler Humor vorbei an jedem Sammler weit über die Grenzen der Stadt hinaus in die Arme der Titanic oder der Spiegel-Online-Redaktion getragen hat. Schon in den frühen 80ern fanden sich einige Protagonisten im Bandprojekt Armutszeugnis zusammen und sind bis heute gemeinsam aktiv. Das legendäre Wuppertaler Programmund Satiremagazin Italien ist mit seiner 30-jährigen Geschichte, seinem schier unerschöpflichen Chefredakteur Uwe Becker und dem famosen Eugen Egner eine der größten Konstanten zur permanenten Verbreitung satirischer Betrachtungsweisen des Bergischen. Die Freundschaften sprechen für sich, ebenso wie die Ergebnisse ihrer ausgelebten Inspiration.

    Apropos ausleben. Streuf gehört logischerweise nicht zu der Sorte Künstler, die in grauenhafter Manier das Tor zwischen sich und ihrem Schaffen schließen. Das macht dem Himmel sei Dank seine Frau Claudia, bevor der gemeinsame Lebensraum von der streufschen Umgebungsdekoration und Sammelleidenschaft zu einer einzigen Collage verschmilzt. Dafür hat Streuf seine eigenen geheimen Räume auf Schloss Schnapsschnorchel, von denen Kinder träumen und Erwachsene sich in Panik ergeben.

    Für manche ist es die bedeutendste Kunstsammlung der Stadt, für Streuf ist es sein Leben und für Schmetterlinge ein einzigartiges Labyrinth, durch dessen Gänge nur seitwärts geflogen werden kann. Was würden wohl August Freiherr von der Heydt und seine zahlreichen Künstlergäste dazu sagen, wenn sie plötzlich aus dem Dornröschenschlaf der Geschichte aufwachten und das Sommerhaus als Schloss Schnapsschnorchel erkunden könnten? Dem großen Dichter Rainer Maria Rilke würden wohl die Worte und von der Heydt seine Bilder fehlen. Doch Letzterer kann beruhigt sein. Schließlich hat Streuf mit seiner Frau Claudia ein kleines Café angemietet, an welches ein zierliches Steingebäude angegliedert ist, das die Sammlung von der Heydts beherbergt. Nennt sich ‚Muse ums Café‘ oder ‚von der Streuf-Museum‘. Ach, La Paloma, fragen Sie bitte in 100 Jahren nochmal nach!

    mehr Streuf: www.faksi.de
    www.streuf.de
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos : Andreas Komotzki

  • Passion und Leidenschaft
    Eine kurze Betrachtung der Malerin Annette Marks und ein Ausblick auf ihre Kunst im öffentlichen Raum


    „Wunderschön und romantisch!“, antwortet Annette Marks mit einem leisen Ausrufezeichen und meint tatsächlich Wuppertal! Wo Gott und die Welt unsere Stadt als skurrile Böschung der A46 links und rechts verschwommen wahrnehmen, hat sich die geborene Bremerin 2000 niedergelassen und ist hier einfach glücklich.

    Regelrecht angetan hat es ihr der Arrenberg, den sie quasi am Tiefpunkt der Entwicklung kennenlernen durfte, und die direkte Nähe zum Wald, zur Natur. Annette Marks scheint mit dieser Kraft tief verbunden und strahlt eine zeitlose Natürlichkeit aus, von der ihre großformatigen Arbeiten wesenhaft geprägt sind. Ihr Atelier ist klar, fast archaisch und auf das Grundlegende der Malerei reduziert: Leinwand, Pinsel, Farbe.

    Nach einem Jahr an der Hochschule der Künste in ihrer Heimatstadt Bremen wechselte Annette Marks 1986 an die Kunstakademie Düsseldorf zu Jan Dibbets und Tony Cragg. Das Studium der Malerei und Bildhauerei beendete Marks 1996 als Meisterschülerin des Bildhauers Cragg, bis vor kurzem Rektor der Akademie.

    Mit sich selbst und der Sache beschäftigt, lebt sie seitdem im tagtäglichen Zwiegespräch die freischaffende Kunst. Der Einfluss der Bildhauerei verleiht der Bildsprache ihrer Kompositionen Tiefe und Dreidimensionalität, die sie in geometrischen Strukturen, Schatten-, Flächen- und Farbkonzepten wieder aufhebt und damit eine flirrende Ruhe erzeugt. Der Mensch steht dabei im Mittelpunkt der dynamischen, tönenden Bilder, mehr ausgeschnitten als eingerahmt in Spannungen, Bewegungen und Gefühlen von ausgeprägter Symbolik. Die Alltäglichkeit der dargestellten Situationen und die Einfachheit der Protagonisten lösen sich in tragischer, fast heldenhafter Metaphorik auf zu modernen Mythen.

    Verschiedene Lehrtätigkeiten an der Folkwangschule Essen und der Uni Wuppertal sowie der Preis der Enno und Christa Springmann-Stiftung im Jahre 2011 unterstreichen die kontinuierliche Entwicklung und machen neugierig auf mehr. Das nächste Projekt befindet sich derzeit in der Umsetzung.
    Mit dem Auftrag von St. Laurentius, die Passion für Ostern 2014 in einem Zyklus von 8 Bildern darzustellen, wird ihre Bildsprache in einen ganz neuen Kontext gerückt. Bei intensiver Betrachtung ihrer Bilder scheint die Auseinandersetzung mit dem Thema Glauben eine logische Vertiefung. Im Rahmen des Kirchenprojektes werden Plakate von den einzelnen Werken angefertigt und an öffentlichen Orten und Gebäuden in Wuppertal zu sehen sein. Sie sollen Gläubige und Interessierte – in Anlehnung an den Kreuzweg in Jerusalem – dazu einladen, in unserer Stadt den Leidensweg Jesus Christus symbolisch zu beschreiten. Glaube und Kunst – ein ewig aktuelles Thema.

    www.annettemarks.de
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos : Andreas Komotzki

  • Hans Reichel
    *10. Mai 1949 in Hagen † 22. November 2011 in Wuppertal


    Der Wuppertaler Musiker, Instrumentenerfinder und Schriftenmacher Hans Reichel ist im Herbst letzten Jahres plötzlich und unerwartet in seinem Atelier in der Nützenberger Straße verstorben. Viele Menschen kannten sein Gesicht, die wenigsten wussten um das Genie dahinter. Hans Reichel wohnte die letzten Jahre in der Haarhausstraße und genoss dort – aus der heutigen Sicht – seinen Lebensabend. Nach entbehrungsreichen Jahren beschied ihm seine weltbekannte Schrift ein „ziemlich“ gutes Auskommen, wie er selbst erklärt: „Meine FF Dax sieht man zum Beispiel fast ständig und überall – im Supermarkt nebenan, auf Zigarettenwerbung, Flugzeugbeschriftung, Baustellenschildern, Wegweisern, Broschüren, Plakaten, im Fernsehen. Manchmal ist da der Kontext für mich schon überraschend.“

    Unprätentiös war er: „Ich verstehe mich als Werkzeugmacher. So wie jemand einen Hammer oder Nägel herstellt, ohne zu wissen, was später damit gehämmert und genagelt wird. Ich bin also Schriftenmacher, kein Typograph.“ Er ist Schöpfer von fünf Schriftfamilien geworden: Barmeno, FF Dax, FF Daxline, FF Sari, FF Schmalhans und die FF Routes. Früh fing Hans an selber zu gestalten: “Ich war ja damals in den Siebzigern eher als Musiker unterwegs, mit selbstgebauten schrägen Gitarren und so. Da gab es immer was zu zeichnen: Konzertplakate, Flyer, Infozettel, Platten-Cover und so. Das habe ich immer gern selber gemacht, mit Bleistift und Filzstiften.“ Er hat immer alles gerne selbst in die Hand genommen.

    Auch die Instrumente dieser Welt haben ihm nicht gereicht. Kein Problem. Bauen wir mal ein Ding, äh, Dachs? Was?

    „Dem näheren Betrachter fiel normalerweise sofort eine Ähnlichkeit mit irgendwelchen Küchenwerkzeugen auf: Tortenheber, Bratkartoffelwender, Kochlöffel. Das ist auch kein Wunder – mein erstes Spielzeug dieser Art war in der Tat ein echtes deutsches Erbsensuppenumrührding. Oder andersrum: in jedem normalen Haushalt wird wahrscheinlich ungewußt/ungewollt ein Daxophon schlummern.“ Also nix Besonderes was der Mann da erfunden hat. Liegt ja anscheinend in jeder gut geführten Schublade. Und wie hat es sich angehört? „Laut war es von Anfang an. Obwohl ein rein ‚akustisches‘ Gerät, lässt es sich mit einem einfachen Kontaktmikrophon problemlos auf Ohrenkiller verstärken. Ein entnervter kalifornischer Rezensent schrieb mal, er fühlte sich an gefolterte Maulesel und Affen und Geflügel erinnert (Tierversuche), und das ganze Ding sei eigentlich nur ärgerlich wie der bellende Hund des Nachbarn.“

    Das klingt ja schön Herr Reichel! Gibt es denn auch mal Harmonie oder was machen Deine am Schluß fast über 400 Dax-Stäbe da?

    „Eins ist allen gemeinsam sie sind eigenwillig und störrisch, wetterfühlig und launisch – sowas hat man ja gerne. Einige sind hübsch, andere eher unscheinbar bis unhübsch. Einige sind ausgesprochene Brüllaffen, andere murmeln lieber still vor sich hin. Manche sind vielseitig,und kooperativ, manche wollen immer nur das Eine. Ich habe ihnen gut zugeredet, sie öfter auch aufs Übelste beschimpft, oder auch schon mal einem kurzerhand den Kopf abgesägt... Musik kann Terror sein. Sag ich ja immer.“ Die Vollendung gelang Hans mit der Daxophon Operette Yuxo. Ein Meisterwerk! „Was Hans Reichel da mit ein paar Stückchen Holz, einem Geigenbogen und einem Tonabnehmer macht ist schlichtweg genial. Beim ersten Anhören habe ich zeitweilig lachend auf dem Sofa gesessen. Es ist so verblüffend! Da wird ein Stück Holz plötzlich zum Protagonisten eines Chors.“, liest man im Internet.

    Hans Reichel legte die Grundlage im Spiel des Daxophons im Umgang mit seiner Gitarre, die er nicht in Ruhe ließ und auch dieses Instrument bis an seine Grenzen neu erfand: „Mobile Tonabnehmer, elektrisch rasierte Gitarren, vorwärts-, rückwärts spielbare, korpuslose, 23saitige, 24saitige, bundlose, vollbündige, hinter dem Steg zu spielende, zusammenklappbare usw. (das geht jetzt zu weit) – der Schein trügt sowieso: ich bin kein ‘Bastler’, sondern Musiker.“ Die Basis war ja da: „Eine Gitarre, das sind vor allem sechs Saiten, den Rest kann man selber machen.“ So fing alles bei Dir in der „geigenden“ Kindheit an und brachte Dir den Ruf des „criminally under-appreciated german experimental guitarist“ ein.

    Gitarre, Schrift, Holz und Daxophon! Das war Deins.

    Frieder Butzmann bringt es in seinem Buch „Musik im Großen und Ganzen“ wunderbar auf den Punkt. Dreimal begegnete Butzmann der Name Hans Reichel im Laufe der Jahrzehnte. Er wunderte sich nicht und glaubte es wären unterschiedliche Personen. Dann trafen alle in der Berliner Akademie der Künste aufeinander. „Ein Daxophon von Hans Reichel, die FF Dax von Hans Reichel und Hans Reichel bei einem Jazzfestival auf der Bühne? Das kann kein Zufall sein. In Abänderung eines gern verwendeten Zitates wurde klar: Hans Reichel is Hans Reichel is Hans Reichel.“

    Hans hat und wird weiterhin Menschen verwundern und inspirieren. Sein Werk ist vor allem ein Geschenk für die Zukunft. Allein der Kauz ist weg. Sein Leben hatte alles und er ist sehr glücklich gestorben. Diesen Tod hätte er sich genau so gewünscht. Er hinterlässt auf der ganzen Welt Freunde wie unzählige und gerade jetzt wunderschöne Erinnerungen. Mit seinem typischen Gang, der Kippe im Gesicht und dem – natürlich – selbstgebauten Backgammon-Spiel im bunten, legendären Jutebeutel, wird er um keine Ecke mehr biegen. Der Gefährte wird nicht mehr mit seinen Freunden an Tisch Null im Congo sitzen und dort mit seiner Sprache, seinem Wortwitz, seinem Charme und seiner Nähe verzaubern.

    Mensch Hans... Du bleibst im Herzen und auf der Welt. Deine selbst programmierte Internetseite, www.daxo.de, vor der selbst Experten den Hut ziehen, bleibt in Deinem Gedenken für alle Erdmänchen online. „Schnauze.“, feixt Du mir gerade von der Schulter. Ich weiß. Du hättest das jetzt alles gar nicht hören wollen. Die Menschen sollen Dich auch einfach selber entdecken.

    Lieber Hans, sehr geehrter Herr Reichel, wir danken Dir für dieses Leben!
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum

  • „Ich werde der König der Nacht“
    Eine Reise in das Leben von Hans Schmitt


    Auf der Suche nach einem neuen Nachtclub bekam Hans Schmitt im Dezember 1989 den Tipp von einer Freundin aus der Hamburger Szene, dass in Wuppertal ein Nachfolger für einen Saunaclub gesucht wird. Hans stutzte. Wuppertal? Diese unglamouröse Stadt weckte wenig Interesse bei diesem Kerl, der damals im besten Mannesalter ganz anderen Herausforderungen gewachsen gewesen wäre. Ausgerechnet Wuppertal? Gezwungenermaßen kam Schmitt auf der Rückfahrt vom Kiez über die A46 durchs Tal und entschloss sich spontan, doch kurz nachzuschauen. Der erste Blick auf das Gebäude war für ihn eine Farce! Schmitt war es gewohnt ein größeres Rad zu drehen und jetzt sollte er sich diese Bruchbude ans Bein binden? Er stieg noch nicht einmal aus und trat das Gaspedal nach einem kurzen Augenblick wieder durch. Kurz vor der Auffahrt Elberfeld besann er sich abrupt, kehrte um und lebt nun seit 23 Jahren sehr gerne in unserer Stadt.

    Hans Schmitt erblickte im fränkischen Würzburg das Licht der Welt und wuchs in einer intakten und rechtschaffenen Familie mit liebenden Eltern auf. Die Mutter war sein angebetetes Zentrum, sein Vater das größte männliche Vorbild. Die Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg waren entbehrungsreich und das Männerbild sehr von Klischees und Überlebensängsten geprägt. Sein Vater stählte ihn und legte bei seinem Sohn die Grundlagen zum Körperkulturisten. Der Junge saugte seine Umgebung auf, staunte über die Welt und wie sie ihm begegnete. Er witterte die menschlichen Abgründe, die ihn erwarten würden und die ihn letztendlich trieben. Hans spürte im tiefsten Inneren und viel zu früh, dass er sich notfalls mit aller Gewalt im Leben wird durchsetzen müssen, aus Angst selbst Opfer dieser opportunistischen Gesellschaft zu werden. Sein extremes Körperbewusstsein, das Verlangen nach Macht und Anerkennung prägten das weitere Heranreifen des jungen Mannes. Zeitgleich wuchs auch seine unbändige Neugierde für das Nachtleben. Triebfeder für den 17-Jährigen war ein Abenteuerfilm mit dem Leitspruch „The World is Yours“!

    Die Welt gehört Dir! „Uuui!“, dachte er, „Toll!“. Wenige Tage später fand er in einer Telefonzelle eine Brieftasche und er hielt unerwartet 120 Mark in den Händen. Ein kleines Vermögen. Er machte sich auf den Weg zum Autobahnzubringer. Daumen raus. Ab nach Frankfurt. Bahnhofsareal. Moselstraße. Er tauchte ein in den Härtegrad 1 des Nachtlebens. Der junge Hans Schmitt stand an der Schwelle des Molochs, klopfte an und der Schoß öffnete sich bereitwillig. Er fiel in seine Zukunft aus „Sex and Crime“! Den ersten Satz, den er hörte, wird er nie vergessen. Eine alte Straßenhure kreischte laut, sirenengleich, und schrie ihm bis ins Mark. „Du hässlicher Vogel - lass Dir mal die Zähne richten!“. Der Hosenscheißer erschrak und die Körperspannung stieg. Aber nicht er war gemeint, sondern ein alter, desillusionierter Freier - Wummm!!! Da stand nun der Grünschnabel unter dem Weihnachtsbaum des Voyeurismus. Der Reiz für diese Welt war geweckt. Der Visualist sah nicht mehr nur, nein, er schmeckte plötzlich den Geschmack von Lust, Schweiß und Blut. Hans wollte Alles. Nur seiner geliebten Mutter nicht zur Last fallen. Der immer noch 17-Jährige verließ das Elternhaus und stellte sich endgültig auf eigene Füsse. Karlsruhe. Der erste Knochenjob. Brennpunkt Braunkohle. Die Arbeit war hart. Den ganzen Tag Säcke schleppen. Mit Disziplin ging bei Hans alles und er strahlte etwas aus, worauf die Leute reagierten. So kam es, dass der Abenteuersüchtige Häuptling einer Rockergang wurde. Seine Einnahmequellen wurden vielfältiger und er scheute keine noch so harte Arbeit. Im Gegenteil. Kohlen schleppen, Hoch- und Tiefbau, Rausschmeißer – immer härter, immer weiter! Im noblen Karlsruher Park Hotel wurde er Empfangsvolontär. Da standen sie auf einmal vor ihm: Die Reichen und die Schönen. Dem Wuppertaler Harald Leipnitz, Uschi Glas, Udo Jürgens und selbst dem großen, legendären Max Schmeling trug er die Koffer.

    Nach drei Jahren in Karlsruhe ereilte ihn der Ruf der glitzernden Wildnis. Das Freiburger Nachtleben war in großer Not. Ein Spezialist musste her. Ein Mann ohne Grenzen, einer der weder Tod noch Teufel scheute. Einen Wahnsinnigen. Das war Hans. Die einen landeten auf dem Mond, Hans im Breisgau. In der Nachtszenerie musste jemand das kahlköpfige, stark alkoholisierte und dumpfe französische Militär abwehren. Im mitternachtsblauen Maßanzug regulierte der Bouncer dann das Geschehen und schlug eine Bresche in die pöbelnde Infanterie aus dem Nachbarland. Das erledigte Hans mit Brachialgewalt – mon Dieu, mon Dieu! Das Milieu applaudierte vor Freude und der Aufstieg begann...

    Würzburg, Karlsruhe, Freiburg, Nürnberg, Ankara, Istanbul, Teheran und Stuttgart sind die intensiven Stationen seines Lebens. Im Iran der frühen 70er Jahre, zu den Zeiten von Schah Mohammad Reza Pahlavi, kam Hans mit zwei Autos an. Eins fuhr er selbst, das andere ein Hippie, der Kohle brauchte. Bei Ankunft zahlte er den Kiffer in der Grenzstadt Tabriz aus und machte sich an den Verkauf. Zuerst ging nichts. Er musste sich was einfallen lassen. Hans sah eine Moschee, ging hinein und betete am muslimischen Freitag unter den Augen der staunenden Masse. Die Neugierde war geweckt, das Eis gebrochen. Das kurbelte den Autoverkauf an. Er veräußerte einen Wagen in Tabriz und fuhr mit dem anderen weiter in die Hauptstadt Teheran. Dort das gleiche Spiel. Auch der zweite Wagen war bald verkauft. Deutlich gewinnbringend. Natürlich! Über Nacht ließ er sich für 150,- Mark einen Anzug aus dem feinsten, verfügbaren Stoff maßschneidern und gab einen Zwanni Trinkgeld. Die ersten Kontakte waren geknüpft und Hans Schmitt machte sich zurück auf den Weg in die Heimat. Da gab es noch mehr Autos...

    Abenteuerliche Geschichten pflastern seinen Weg. Die Jahre sind voller Abgründe, extrem, gefährlich und in diesem Text nicht zu erzählen. „Sex and Crime“, die Einblicke in das Milieu der 70er, 80er und 90er Jahre, können und sollen hier nicht weiter vertieft werden. Ganz entscheidend in seinem Leben ist eine Begegnung. In den Nürnberger Jahren trifft er seinen Mentor, den amerikanischen Juden Harry Gelbfarb, der im Dritten Reich nach Amerika emigrierte. Der Pionier des deutschen Bodybuildings und oberster Präsident der Rosenkreuzer, begleitete Hans Schmitt bis zu seinem Tod im Jahre 2005. Diese Begegnung prägte Hans Schmitt nachhaltig. Bis zu jedem neuen Augenblick. 30 Jahre hartes Nachtleben forderten ihren Tribut. 2001 verlässt Hans ausgebrannt und kraftlos die Branche und pflegt seine Mutter, die teilweise bei ihm in Wuppertal wohnt. In der Stadt sieht man Mutter und Sohn harmonisch beim regelmäßigen Sonntagsspaziergang mit dem geliebten Schäferhund Harro. Hunde waren immer seine treuesten Freunde und nicht seine Partner zum Schutz des Geschäfts. Sie waren der ruhende Gegenpol zum harten, brutalen Leben der Nacht. Mit dem Tod der Mutter zwei Jahre später brechen alle Dämme. Hans Schmitt kann den Trauerfall nicht verarbeiten. Der Stecker ist raus, die Batterie ist leer. Hans lässt sich einweisen. Er sitzt im Tannenhof mit einer schweren, depressiven Episode, starrt die Wände an und weiß nicht mal mehr seinen Namen.

    Von der Psychiatrie führt ihn sein Weg 2005 zu Proviel, einer Werkstatt für psychisch Kranke, in der Milchstraße. Eine wichtige, eine markante Zeit. Mit großem Enthusiasmus schraubt er Kinderfahrzeuge der Marke Puky zusammen. Hans lernt wieder und weiter vom Leben. Gefestigt und mit einer neuen, sehr intensiven Erfahrung bereichert, begibt er sich wieder auf seinen eigenen Weg. Er entwickelt mit dem Trizepter ein Fitnessgerät, welches als marktreifer Prototyp auf den Durchbruch wartet. Sein Lebenselixier ist und bleibt der Körpersport. Hans ist immer ein Natural Athlet gewesen. Der absolut überzeugte Vegetarier und Rosenkreuzer hat nicht ein Mal in seinem Leben an einer Zigarette gezogen, niemals Drogen genommen und nicht einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken - Bücher und Wissen berauschen ihn. Hans Schmitt ist Aphoristiker, seine Schreiberei die wichtigste Geliebte.

    Der ehemalige Puffdirektor war auch niemals Menschenhändler und hat seinen Club mit Anstand und Werten geführt. Er besitzt keine Doppelmoral und sein Führungszeugnis ist ein weißer Bogen Papier. Was Hans Schmitt in den 30 Jahren Nachtleben erlebte und passierte, steht auf einem anderen Blatt. Die Zeit dafür wird kommen. Seine Memoiren werden geschrieben.
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos: Archiv Hans Schmitt

  • Schulzeit am Arrenberg in den 40er Jahren
    Erinnerungen von Heinz Riethmüller


    Im Sommer 2011 erreichte uns im Arrenbergbüro ein Anruf aus der Nähe von Bad Wildungen. Herr Heinz Riethmüller hatte bei einem Klassentreffen im Simons unsere letztjährige Ausgabe in die Hände bekommen und begeistert von unserer Gegenwart gelesen. 63 Jahre nach dem Ende seiner Schulzeit blickt er nun für uns zurück auf die damaligen Lebensumstände. Mit seiner Erinnerung an Menschen, Begebenheiten und Geschehnisse gewährt er einen kurzen Einblick in die Zeit einer Kindheit im Ausnahmezustand.

    Im Zuge der Vorbereitungen für ein Klassentreffen mehr als 50 Jahre nach Ende unserer Schulzeit habe ich versucht, die Vergangenheit und insbesondere die Schulzeit am Arrenberg gedanklich zu durchforsten. Vieles ist mir nur noch undeutlich in Erinnerung. Manch Vergessenes kommt aber gerade in jüngster Zeit durch Gespräche wieder in Erinnerung und einige Begebenheiten sind mir unvergessen geblieben.

    So weiß ich noch genau, daß das große rote Backsteingebäude in der Simonsstraße – 1940 – zur Zeit meiner Einschulung – auf mich einen mächtigen, ja bedrohlichen Eindruck machte. Die damalige Lehrerin verstand es, durch Erzählungen über Kriegsgeschehnisse und Erfolgsmeldungen an der Front Begeisterung bei uns hervorzurufen. So betonte sie immer wieder, daß unsere Väter als Soldaten an der Front ihr Leben einsetzen würden, um uns eine schöne Zukunft zu sichern. In diesem Zusammenhang bleibt für mich eine Begebenheit unvergeßlich, als da die Meldung kam, daß der Vater eines Mitschülers gefallen sei. Dieses traurige Ereignis nahmen die Lehrkräfte zum Anlaß, in einem feierlichen Akt uns Schüler davon zu überzeugen, daß es eine Ehre sei, für Führer und Vaterland zu sterben. Solch traurige Ereignisse wiederholten sich im Laufe des Krieges einige Male in unserer Klasse.

    Täglich zunehmende Fliegeralarme hatten zur Folge, daß der Schulunterricht im Keller unserer Schule in der Simonsstraße abgehalten wurde. Nach den verheerenden Bombenangriffen auf Wuppertal im Mai und Juni 1943 wurden ganze Klassen unserer Schule in bombensichere Gegenden evakuiert. Ich wurde zu Verwandten geschickt, die eine kleine Landwirtschaft in Hessen betrieben. Dort kam ich in eine Dorfschule. Ein vom Endsieg überzeugter, im Gnadenbrot stehender Lehrer unterrichtete acht Jahrgänge zeitgleich in einem einzigen Klassenraum, den wir allerdings eh kaum von innen sahen – ein Großteil der Unterrichtsstunden bestand aus Feldarbeit. Heimweh war der Grund, aus dem ich trotz katastrophaler Verhältnisse 1944 wieder zurück nach Wuppertal kam. Die Stadt glich zu diesem Zeitpunkt einer Geisterkulisse. Überall waren Ruinen und Berge von Trümmern. In der Schule Simonsstraße hatte sich vieles verändert – die Klasse wurde von einer anderen Lehrerin unterrichtet und es gab viele neue Gesichter. Von MitschülerInnen der ersten Stunde waren nur noch wenige zu sehen. Der Krieg hatte nun auch in der Heimat schreckliche Formen angenommen. Der Unterricht fand – wenn überhaupt – meist im Luftschutzkeller der Schule statt. Nächtlicher Fliegeralarm, der uns den Schlaf raubte, und Tieffliegerangriffe am Tage führten schließlich dazu, daß der Unterricht gänzlich eingestellt wurde.

    Als der Krieg zu Ende war, formierte sich die Klasse allmählich wieder. Nach Angst und Schrecken wurde nun der Alltag von Hunger und Entbehrungen beherrscht. Das Potential an Lehrkräften war durch den Krieg, sei es durch ‚Heldentod‘ oder wegen Naziangehörigkeit, so stark geschrumpft, daß man auf Pensionäre zurückgreifen mußte. So wurden wir zuerst von dem schon sehr betagten aber liebenswerten Lehrer Fritz Leifels, später von seinem Bruder Hubert Leifels unterrichtet. Aufgrund der katastrophalen Versorgungslage stand uns Schülern wie auch den Lehrkräften der Hunger ins Gesicht geschrieben. Daran konnte auch die täglich verabreichte Schulspeisung nichts ändern, es war eine schlimme Zeit. Bei der Beschaffung von Lebensmitteln verschwammen manchmal die Begriffe legal und illegal. Besonders schwer fiel es, sich mit leerem Magen auf den Unterricht zu konzentrieren – meine Leistungen waren alles andere als zufriedenstellend. Nicht zuletzt deshalb, weil ich zum Aufpäppeln einige Male in Kindererholungsheime geschickt wurde, wo es überhaupt keinen Schulunterricht gab. Dafür hatte sich aber bei mir im Laufe der Zeit ein hoch entwickelter Selbsterhaltungstrieb gebildet, der nur noch vom tierischen Instinkt meines Freundes Hans S. übertroffen wurde, wenn es darum ging, etwas Essbares zu wittern.

    In diesem Zusammenhang bleibt für mich folgendes Erlebnis unvergeßlich: Unweit unserer Schule befand sich damals der aus gutem Grund scharf bewachte Viehhof sowie der Großmarkt. Bei unseren Streifzügen war dieser Bereich ein beliebtes Gebiet. Hans hatte – der Teufel weiß wie – herausbekommen, daß auf dem besagten Gelände in einem Gebäude frisch geschlachtete Wurstwaren lagerten. Vermutlich handelte es sich dabei um Schwarzschlachtungen. Diese „Vermutung“ erleichterte unser Gewissen ungemein. Das Gebäude war stets wie eine Festung verriegelt, ein Eindringen schien unmöglich. Auf der Rückseite befand sich eine schwere Eisentüre, die unten eine kleine Lüftungsklappe aufwies. Wir hoben sie an und konnten einen Blick ins Innere werfen. Was wir sahen, verschlug uns den Atem – da hingen Fleischwürste an Stangen in Reih und Glied.

    War es schon ein Wunder, den Schauplatz unbemerkt erreicht zu haben, so stand uns nun der weitaus gefährlichere Teil des Unternehmens bevor. Die ersten Versuche, durch das Lüftungsloch an die ersehnten Waren heranzukommen, schlugen fehl. Hans, damals der Kräftigste unter uns, startete den ersten Versuch, brachte aber seinen Kopf seitlich liegend nur bis zu den Ohren durch die Öffnung. Nun wurde ich in die Pflicht genommen. Ich zwängte mich, von hinten geschoben, langsam durch die Öffnung. Im Inneren stand ich da, zitternd vor Angst. Nicht auszudenken, wenn jetzt jemand hereingekommen wäre – an einen schnellen Rückzug war nicht zu denken. Hans gab Anweisungen, nur zwei oder drei Würste abzunehmen und die so entstandenen Lücken mit anderen Würsten wieder auszugleichen. Diese Taktik erwies sich als genial, da wir so das „Unternehmen Fleischwurst“ noch einige Male unentdeckt wiederholen konnten.

    Mit dem ersten Nachriegswinter stellte sich eine weitere Notlage ein. Es war die Kohlenkrise. Zum Hunger kam das große Frieren. Nicht selten fiel wegen des Mangels an Kohle der Schulunterricht aus. Um an das „schwarze Gold“ zu kommen, hatte wiederum Hans S. den besten Riecher. Auf dem Betriebsgelände der Bahn lagerten damals unter strenger Bewachung große Kohlevorräte, die für die Lokomotiven benötigt wurden. Irgendwie gelang es uns in den meisten Fällen, im Schutze der Dunkelheit an die Halden heranzukommen, unsere Rucksäcke zu füllen und unbemerkt wieder zu verschwinden. Leider gab es bei einer dieser Unternehmungen eine böse Überraschung.

    An besagtem Abend kamen wir wegen der starken Bewachung nicht an die Kohlehalden heran. Dafür erspähten wir an anderer Stelle einen mit Kohlen beladenen Waggon. Langsam robbten wir uns heran. Da ich der Leichteste war, wurde ich mit Schwung nach oben gestemmt. Mein Auftrag lautete, so schnell wie möglich dicke Brocken herunter zu werfen, doch dazu kam es nicht mehr. Plötzlich leuchteten überall Handlampen auf, begleitet von Geschrei und Trillerpfeifen – wir waren in eine Falle getappt! Ich versuchte so gut es ging mich in den Kohlen zu verstecken. Vor lauter Aufregung entleerte sich dabei mein Darm. Meine Kohlenklau-Brüder hatten fluchtartig das Weite gesucht, das Geschrei und die Rufe der Verfolger entfernten sich langsam. Zu keiner Zeit habe ich mich so alleingelassen gefühlt wie an jenem Abend, zumal ich den Mut, den so genannten „dicken Nerv“ für derartige Feldzüge überhaupt nur aus der Clique schöpfte. Sie war der eigentliche Schutzwall, der uns allen eine gewisse Sicherheit vermittelte. Im übrigen war bekannt, daß man mit denen, die beim Kohleklauen erwischt wurden, nicht gerade zimperlich umging.

    Ich weiß nicht, wie lange ich in dieser mißlichen Lage war. Als ich schließlich glaubte, die Luft sei rein, habe ich mich vom Waggon heruntergehangelt. Ich kauerte zwischen den Schienen, als ich plötzlich eine Hand im Nacken spürte. Ich war wie gelähmt. Langsam wurde ich hochgezogen und schaute in den grellen Schein einer Lampe. Offenbar bot ich dem Mann, der mich nun am Wickel hatte, einen so traurigen Anblick, daß er für kurze Zeit seine Pflichten vergaß. Die Worte, die der Mann dann sagte, klingen mir noch heute in den Ohren: „Mein Gott, wie siehst du denn aus? Du stinkst ja wie eine Sau!“ Und dann kam das Unglaubliche. Der Mann befahl mir, mich nicht vom Fleck zu rühren. Er stieg auf den Poller und warf ein paar dicke Brocken Kohle herunter. Er half mir sogar, den Rucksack zu füllen und begleitete mich bis zur Begrenzung des Bahngeländes. Ob ich mich bedankt habe, weiß ich nicht mehr. Der Aufforderung, mich nie wieder dort sehen zu lassen, bin ich (nicht) nachgekommen, der Mann hätte mich sowieso nicht wiedererkannt. Hier zeigte sich einmal Menschlichkeit, die in der damaligen Zeit recht selten anzutreffen war.

    Irgendwie haben wir diese Zeit überstanden, jeder ist seinen Weg gegangen. Die menschliche Gemeinschaft ist es, die uns das Leben erst ermöglicht. Sie in guten und in schlechten Zeiten zu behüten und zu bewahren ist eines jeden Pflicht.


    Text und Fotos: Heinz Riethmüller
     

  • Visualisierung eines Viertels


    Frederick Mann ist ein visueller Mensch. Genau hinzuschauen und den Blick auf die Tiefe im Einfachen zu richten, haben den Stil seiner Fotografien deutlich geprägt. Diesen Blick zu finden, dauerte viele Jahre und hat wenig mit dem malenden Auge aus früherer Zeit gemein. Frederick Mann – geboren 1939 – hat die Welt gesehen und wahrgenommen. Sein Leben unterteilt er in Epochen und nicht in Jahreszahlen. Die akribische Auflistung sämtlicher Aktivitäten in einem Werdegang sind dem Freigeist fremd.

    1939 wurde der heutige Arrenberger in Port Jervis im Delaware Valley geboren. Die erste Neugier trieb den jungen Mann in das nahegelegene New York der 50er Jahre mitten ins Herz der Jazz- und Kunstszene. Sein Weg führte ihn bald weiter und Mann entdeckte Europa. Nach seinem Militärdienst in Deutschland gelangte er über Griechenland und Schweden Anfang der 70er Jahre in seine heutige Heimat an den
    Arrenberg.

    Doch nicht nur die Kunst- und Kultur reizten. Gerade der Aufbruch und die Entfaltungsmöglichkeiten der 60er Jahre führten ihn in die soziokulturelle Bewegung und in die gesellschaftliche Verantwortung. In Wuppertal fand Frederick Mann mit der „Börse“ seine politische und kulturelle Herzensangelegenheit. Die pädagogische Arbeit und der Willen, überaltete Strukturen aufzubrechen, erfüllten sein Wirken für die Gemeinschaft. Später schaffte er mit “Clean Street” ein Projekt, in dem er ohne Scheu und mit viel Einfühlungsvermögen die Zahl der weggeworfenen Spritzen von drogenkranken Menschen im Wuppertaler Stadtgebiet von 10.000 auf wenige 100 reduziert hat.

    Auf Augenhöhe, humorvoll und mit höflicher Toleranz begegnet Mann seinen Mitmenschen. Wer die Augen aufmacht, blickt häufig in dessen Kamera, wenn er in unserem Viertel auf Motivsuche geht. Doch Frederick selbst hält es gerne mit Henri Cartier-Bresson: „Fotografieren ist wie Bogenschießen: richtig zielen, schnell schießen, abhauen.“

    Frederick Mann im Internet:
    www.fotocommunity.de/pc/account/myprofile/897282/profile/1
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos: Frederick Mann

  • Zeitgenössische Suppenrunde
    Grölle pass:projects


    Jürgen Grölle ist den Kunstinteressierten unserer Stadt seit über 25 Jahren eine Begriff. Die Grenzen des Tals hat er dabei weiträumig gesprengt – bundesweite und internationale Ausstellungen führten ihn und seine Werke bis nach Chicago, sein autodidaktisches Saxophonspiel mit Peter Kowald und Peter Brötzmann auf die Bühne.

    Jürgen Grölle hat sich als Maler und Musiker selten um Konventionen gekümmert. Einfach machen, Ideen umsetzen, Spaß haben und Intensität vermitteln sind die Grundlagen seines Wirkens. Nach einer Ausbildung zum Anlagenelektroniker studierte Grölle Kommunikationsdesign bei Badura, Schwarzbauer und Brock in Wuppertal. Anschließend inspirierte ihn Wien und er blieb dort einige Jahre hängen, studierte freie Malerei und initiierte dort das Kunst- und Performancetheater „Gang-Art“. Grölle ließ sich und seiner Kunst freien Lauf. Seine Bilder fanden schnell Beachtung, er neugierte ständig nach allen Seiten und vermischte sein Treiben mit dem ähnlich gearteter Kollegen aus dem weitläufigen Kunstbereich.

    Den Pinsel hat er seit mittlerweile 6 Jahren vorübergehend beiseite gelegt. Sehr erstaunlich, wenn man die Einschätzung des amerikanischen Kunstkritikers Paul Krainak über Jürgen Grölle in „Die Beharrlichkeit der abstrakten Kunst” liest: „Bei Jürgen Grölle haben wir es mit einem Maler zu tun, der sich mit der Komplexität und den Widersprüchen im Formalismus auseinandersetzt und der von einem tiefen Bedürfnis zu malen getrieben wird“. Doch Bedürfnisse ändern sich und Jürgen Grölle hat in den letzten Jahren die Seite der Kunst- und Sinnvermittlung für sich entdeckt. Er arbeitet mit hoffnungslosen Jugendlichen, vermittelt eingegangenen Existenzen neue Energie oder hilft Frauen aus eingeengten Migrationsverhältnissen, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Träger wie die Bergische Volkshochschule oder Alpha e.V. stehen hinter den Projekten. Für die Junior-Uni ist er als Dozent tätig.

    So ist Grölle derzeit nicht getrieben sondern treibt an. Ganz in diesem Sinne hat er sich mit seiner neuesten Idee an der Wupper ein Labor für Experimente und Visionen geschaffen. Grölle pass:projects nennt er seinen Raum für zeitgenössische Kunst. Ausstellungen, Perfomances, Lesungen, Happenings – hier kann und soll vieles stattfinden.

    Die Begrifflichkeit pass:projects an sich lässt dabei schon viel Platz für Ideen und Assoziationen. Erste Erfolge und Aufmerksamkeiten haben sich inzwischen eingestellt – intensive Kommunikation, interessante Menschen und ausgestellte Kunst, die manchen Besucher dazu nötigt hunderte Kilometer bis an die Wupper zu kommen, sind die Früchte des ersten Halbjahres. Für einen Besuch bei Grölle pass:projects muss man aber nicht bis zum nächsten amtlichen Termin warten.

    Donnerstags gibt es zudem eine Suppenrunde, bei der man sich trifft, denkt und redet. Berührungsängste sollte man übrigens sicherheitshalber zu Hause lassen. Schließlich hat Jürgen Grölle selbst nie welche gehabt.

    www.passprojects.com
    Friedrich-Ebert-Straße 143e · 42117 Wuppertal
     

    Text: Wolfgang Rosenbaum | Fotos : Andreas Komotzki